Bekleidung & Trachtenmode der Semnonen

zur Eisenzeit & Kaiserzeit

„Ein römisches Heer wurde mit seinen Feldzeichen 400 Meilen vom Rhein bis zum Fluss Elbe geführt, der durch das Gebiet der Semnonen und Hermunduren fließt.“

„Einer der Barbaren, ein älterer Mann von stattlicher Größe und, wie seine Kleidung zeigte von hohem Rang, stieg in einen Nachen ( … ) und ruderte allein mit diesem Fahrzeug bis auf die Mitte des Flusses.“

Diese Begebenheit des Jahres 5 unserer Zeitrechnung ist durch die Aufzeichnungen „Historia Romana“ des Velleius Paterculus überliefert, welcher als Chronist und aktiver Zeitzeuge die Germanien-Feldzüge des Tiberius aufzeichnete, bei denen er offenbar selbst zugegen war.
Velleius Paterculus beschrieb die Germanen, wie seinerzeit üblich, in der Regel mit der typischen römischen Arroganz, herablassend als primitive Barbaren.
Nur selten spiegeln seine Darstellungen Respekt gegenüber den Barbaren oder gar eine gewisse Hochachtung wider. Von der Erscheinung dieses älteren Semnonen allerdings scheint er ernsthaft beeindruckt gewesen zu sein, nicht zuletzt offenbar von dessen vergleichsweise prunkvoller Kleidung, die ihn zu Rückschlüssen auf dessen mutmaßlichen sozialen Status verführten.

Heute wie Damals kann nur vermutet werden, ob es sich um einen Vertreter des langobardischen oder semnonischen Kriegeradels, um einen spirituellen Würdenträger oder überhaupt um eine sozial herausstehende Persönlichkeit handelte. Es ist auch nicht auszuschließen, dass die Semnonen des östlichen Elbufers aufgrund ihrer besonderen Stellung innerhalb der Sueben generell sozial hochstehend und/oder wohlhabend waren und diesen Umstand, nach „typisch germanischer Sitte“, auch in ihrer Tracht zu repräsentieren suchten.

Bis zum Ende des römischen Imperiums blieb „das heilige Land der Sueben“ zwischen Elbe und Oder „tabu“ und damit in so gut wie jeder Hinsicht weitestgehend unbekannt.
Ein Umstand, an dem sich in den letzten zweitausend Jahren so gut wie nichts geändert hat und in dessen Dunkel erst die Archäologie der letzten Jahrzehnte allmählich erhellt.

Insgesamt dürfte sich die Bekleidungsmode der Semnonen kaum von derjenigen anderer zeitgenössischer Germanenstämme unterschieden haben.
Jedenfalls kann innerhalb der suebischen Stämme eine enge Verwandtschaft der Trachtenmode angenommen werden.
Diese werden erstaunlich präzise in den Reliefs der sogenannten Markussäule in Rom beschrieben, einer Siegessäule zu Ehren des Kaisers Mark Aurel. Auf dieser sind Sequenzen aus den so genannten Markomannenkriegen dargestellt, in welche hauptsächlich die suebischen Stämme des Südens, nämlich die Markomannen und Quaden, sowie neben weiteren suebischen Kriegsscharen auch Ostgermanen und sarmatische Stämme involviert waren.

Sowohl von den Markomannen, als auch von den Quaden wissen wir, dass sie trotz ihrer jeweils immensen Größe und Macht auch im ersten und zweiten nachchristlichen Jahrhundert noch in direktem Kontakt und zumindest gegenseitigem Einfluss mit den Semnonen der suebischen Urheimat standen.
Demzufolge darf aus den Darstellungen suebischer Frauen und Männer der präzise gearbeiteten Reliefs der Markussäule wohl auf die Trachtenmode aller zeitgenössischer suebischer Stämme geschlussfolgert werden, wenngleich es durchaus regionale Unterschiede in Webmuster- oder Farbwahl gegeben haben mag.

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Beide Darstellungen, also die von Paterculus, als auch die detaillierten Reliefs der Markussäule widersprechen dem sonst von antiken, meist römischen Chronisten und Künstlern gezeichneten Bild vom Aussehen der Germanen.
Im Regelfall begegnen uns dort sowohl Frau, als auch Mann, spärlich bekleidet, die germanische Frau gern mit entblößter Brust, wie auch der Mann mit zumindest nacktem Oberkörper.
Hier haben wir es im Grunde mit situationsbezogenen Darstellungen, wie „Frau in Trauer“ oder „Mann im Kampf“ zu tun, welche keinesfalls als Spiegel germanischer Bekleidung und Trachtenmode taugen.
Dennoch haben diese Darstellungen maßgeblich zum bis heute existenten Image des kulturell primitiven germanischen Menschen am Beginn der Zeitrechnung beigetragen.

Leider konnte auch die Archäologie im Bereich Bekleidung und Trachtenmode nicht viel Erhellendes beitragen, woran vor allem die bei den Semnonen über viele Jahrhunderte hinweg praktizierte Sitte der Feuerbestattung Schuld trägt.
Doch auch wenn die Grabungsforschung für den fraglichen Zeitraum in unserer Region keinen Komplettbefund anzubieten vermag, so liefert sie dennoch wertvolle Indizien, die verglichen mit zeitgenössischen germanischen Funden anderer Regionen, sowie der antiken Quellenlage, durchaus zu einem Gesamtbild formen lassen.

So verhält es sich übrigens in so gut wie allen Bereichen der Germanenforschung, doch nicht immer ist ein derart geformtes Gesamtbild dann auch wirklich der Weisheit letzter Schluss und, bezogen auf die germanische Kleidung, die Summe aller (zuordbaren) Funde und Quellen nicht zwangsläufig auch „die Trachtenmode“ der entsprechenden Zeit und Region.
Hier liefern oftmals gänzlich artfremde Wissenschaftszweige oder schlicht und ergreifend Logik die fehlenden Glieder zur Kette.
Ich will dies an einem Beispiel aus dem Bereich Bekleidung erläutern, den Schuhen.

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In der Regel werden sowohl der germanische Mann, als auch die Frau in Zeichnungen oder Modellen (siehe Foto) mit den typischen oben offenen Bundschuhen dargestellt, ganz gleich wie umfangreich die sonstige Kleidung dargestellt wird.

Wird nun aber ein germanischer Mann ganz klar in Winterkleidung dargestellt, wie auf vorliegendem Bild geschehen, kann man ihm keine Sommerschuhe anziehen, auch wenn die Befundlage nur solche hergibt.

Hier muss die Logik einsetzen und diese sagt uns: Ist der Lebensraum geprägt von weitgehend unbefestigten Wegen und Plätzen, so macht schon der verregnete mitteleuropäische Herbst das Tragen von hoch geschlossenem festen und zudem gegen Feuchtigkeit behandeltem Schuhwerk zwingend notwendig. Dasselbe gilt für die Zeit des Winters und ebenso für das Frühjahr, welches erst durch die Schneeschmelze und später mit hoher Wahrscheinlichkeit auch durch Regen schon die vergleichsweise kurzen Wege zum Brunnen oder zum Getreidespeicher zu abenteuerlichen Schlammpisten werden lässt.

Der Besitz von witterungsgerechtem Schuhwerk konnte, wie die übrige Bekleidung auch, im Mitteleuropa zum Beginn der Zeitrechnung noch über Leben und Tod entscheiden.
Es ist also davon auszugehen, dass der durchschnittlich wohlhabende Semnone, ganz gleich ob Mann oder Frau, über mindestens zwei Paar Schuhe verfügt haben müssen, eines für den Sommer und eines für die Wintermonate. Für die alltägliche Arbeit auf dem Hof wäre gar noch ein Paar „Arbeitsschuhe“ denkbar, zum Beispiel im Stil von Holzpantinen (Klotzen, Klotschen, Klompen), wie sie heute noch überall in Mittel- und Nordeuropa bekannt sind.

Material und Fähigkeiten zur Herstellung solcher Schuhe waren erwiesenermaßen vorhanden, folglich wurden sie auch getragen.

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