Oktober & November 2018
Workshop: Gebrauchsgegenstände von Hand töpfern und anschließender Grubenbrand des Töpfergutes

Den wichtigsten Rohstoff der Menschen vor 2000 Jahren zu benennen dürfte sich einigermaßen schwierig gestalten, denn unsere germanischen Vorfahren benötigten und nutzten alle in ihrer Umgebung natürlich vorkommenden Roh- und Werkstoffe pflanzlichen, tierischen und mineralischen Ursprungs.
Unter den mineralischen Rohstoffen spielten, neben Lehmböden und diversen Metallerzen, ganz sicher die verschiedenen Tonerden eine Hauptrolle, denn Ton wurde vor allem zur Herstellung der stets und überall benötigten Haushaltskeramik verwendet.
Pro Jahr muss jede Familie erstaunliche Mengen an Ton verarbeitet haben, da jeder Haushalt nicht nur eine Vielzahl verschiedener Keramikgefäße und anderer aus Ton gefertigter Gegenstände benötigte, sondern diese zudem die ungünstige Eigenschaft besitzen, nicht besonders belastbar zu sein.
Das Repartoire reichte von kleinen Webgewichten und Öllampen über Teller, Tassen, Becher und Terrinen, bis hin zu über mannshohen Vorratsgefäßen für Getreide zum Beispiel. Auch gekocht wurde in der Regel in Tontöpfen, welche in eigens dafür hergestellten Vorrichtungen über das Feuer gehängt wurden.
Die Herstellung von Töpferwaren für den Hausgebrauch oblag denen die sie benötigten. Lediglich was mit eigenen Mitteln und eigenem Know How nicht angefertigt werden konnte, wie extrem große Keramik zum Beispiel oder auch die beliebte feine Drehscheibenkeramik mit der polierten schwarzschimmernden Oberfläche, musste entweder bei entsprechenden Fachleuten in Auftrag gegeben oder aber beim Händler erworben werden.
Ansonsten wurde alles, natürlich stets der aktuellen Mode entsprechend, selbst gefertigt. Wahrscheinlich wurde der talentierteste „Töpfer“ des Hofes mit dieser Aufgabe betraut, denn wie unser gemeinschaftlicher Selbstversuch zeigte, geht das Töpfern nicht allen Menschen gleich gut von der Hand. Vom Abbau der gewünschten Tonerde über das Abmagern und Herstellen der für das jeweilige Projekt am besten geeigneten Mischung, über den Aufbau des Gefäßes, der wie bereits angemerkt, in der Regel von Hand erfolgte, da kaum ein Hof über eine Drehscheibe verfügte, bis hin zum Brennen der Keramik lag der komplette Fertigungsprozess in der Hand des jeweiligen „Sippen-Töpfertalentes“. Das solche Begabungen und erlernten Fähigkeiten über kurz oder lang zu gewerblicher Spezialisierung führen, liegt auf der Hand.

Der erste Töpferkurs im historischen Dorf wurde durchgeführt unter der fachmännischen Leitung von Frau Bettinelli und erfreute sich reger Teilnahme. Gut zwanzig Anfänger versammelten sich bei bestem havelländischen Herbstwetter unter freiem Himmel und versuchten sich an den verschiedensten Gegenständen. Je nach Geschmack und Interessenlage wurden nicht nur verschiedene Gefäße und Öllampen nach historischem Vorbild gefertigt, sondern auch Kerzenständer und Schatullen für den Hausgebrauch und sogar Kokillen aus sogenanntem Schamott-Ton zum Gießen von Silber wurden hergestellt.

Nach dieser überaus erfolgreichen Debut-Veranstaltung war klar, dass Workshops wie dieser zukünftig zum festen Gannahall-Programm gehören werden.
Bei Interesse an einem Töpferkurs schreiben sie uns bitte über das Kontaktformular an.

Töpferkurse verschiedenster Art sind bei Frau Bettinelli aber auch außerhalb des historischen Dorfes buchbar, unter: www.bettinelli-erdlicht.com

Das Brennen in der Grube
Besonders heikel war, neben dem Umgang mit größeren noch ungebrannten Gefäßen, das Brennen derselben. Selbst wenn das gewünschte Produkt unfallfrei hergestellt worden war und auch die Einlagerung während der Vortrocknungsphase unbeschädigt überstanden hatte, konnte der kleinste Fehler beim Brennen das Gefäß unter Umständen derart beschädigen, dass es danach unbrauchbar war.
Da sich nur größere Ansiedlungen den Luxus großer, gemeinschaftlich genutzter Back- und Tonbrennöfen leisteten, mussten die kleinen Stückzahlen kleiner Siedlungen oder Einzelhöfe mit uralten, aber riskanten Methoden gebrannt werden, wie dem sogenannten Grubenbrand zum Beispiel, was wir ebenfalls einigermaßen zufriedenstellend erprobt haben.

Nach der Trocknungsphase der zu brennenden Keramik, die je nach Größe und Material zwischen einigen Tagen bis mehrere Wochen dauern kann und ohne die ein Brennen überhaupt nicht möglich wäre, wird in einer zweistufigen Grube von entsprechender Größe mittig ein Feuer entzündet. Auf der etwas erhöhten umlaufenden „Stufe“ am Rand der Grube wird das Brenngut für die zweite Trocknungsphase, bzw. das „Vorbrennen“ aufgebaut. Rund um die Brenngrube kann ein kleiner Wall aus der beim Aushub angefallenen Erde für eine Reflektion der Wärme sorgen. Nichtsdestotrotz sollte die Töpferware in regelmäßigen Abständen zusätzlich gedreht und gewendet werden, um für eine möglichst gleichmäßige Hitzeeinwirkung auf alle Bereiche der Gefäße zu sorgen.
Währenddessen wird die Hitze durch ein Vergrößern des Feuers auf dem Grund der Grube stetig gesteigert, wodurch auch dessen Umfang zunimmt, bis das Feuer schließlich nach mehreren Stunden die Stufe mit dem Brenngut erreicht. Zu diesem Zeitpunkt sollte alle Keramik vollständig durchtrocknet und vorgebrannt sein, also auch die für den nächsten Schritt erforderliche Festigkeit besitzen, denn nun weitet man das Feuer entweder auf die Stufe mit den Töpferwaren aus, bis diese vollständig von Feuer umgeben sind oder aber man setzt sie idealerweise in das mittlerweile beträchtliche Glutbett der unteren Ebene um. Was bis hierher ohne zu springen oder zu reißen überlebt hat, hat gute Chancen auch später seiner Bestimmung unbeschadet zugeführt zu werden.

Nun werden die Gegenstände vorsichtig mit Brennmaterial umgeben, so dass sie sich nun komplett „im Feuer“ befinden. Irgendwann kündet dann ein rotes Leuchten der Keramik von der gewünschten „Betriebstemperatur“, welche unsere Vorfahren in Ermangelung geeigneter Messgeräte schätzen mussten, wie auch der gesamte Brennvorgang nach Gefühl und Erfahrung beurteilt wurde.
Ist ausreichend Glut vorhanden, muss diese um die Gefäße aufgehäuft werden, bis diese vollständig in der Glut verschwunden sind.
Eine letzte Lage Brennmaterial kann vorsichtig aufgebracht werden und nach abbrennen derselben wird das Glutbett ebenso vorsichtig mit der ausgehobenen Erde bedeckt.
In diesem Zustand belässt man die abgedeckte Grube nun für einen oder mehrere Tage, bevor man sie öffnet und die fertig gebrannten Keramikartikel entnommen werden können.
Allerdings sollte man bei einem eingetieften und derart lange unterhaltenen Feuer, das Areal im Vorfeld dringend auf ein eventuelles Vorkommen brennbarer Erdschichten, wie zum Beispiel Torf, untersuchen.
Als bei unserem Grubenbrand, noch tagelang nach der Entnahme der gebrannten Gegenstände und dem nachfolgenden Ablöschen mit Wasser, immer noch Qualm aus dem Loch aufstieg, gruben wir in die Tiefe und stellten eine unterirdische Ausbreitung von Glutnestern fest, die sich in ein ca. 70 cm tiefer liegendes „Proto-Torf“, bestehend aus dem seit 200 Jahren verrottenden Bewuchs einer ehemaligen Sumpflandschaft gefressen hatten … trotz immenser Feuchtigkeit dieser Schichtwasserebene!
Die Ergebnisse jedoch, sowohl was die getöpferten Gegenstände, als auch den Brennvorgang angeht, übertrafen unsere Erwartungen bei Weitem.
Als nächstes Projekt in dieser Richtung werden wir einen zweistufigen Keramikbrennofen errichten und testen.

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September 2019
Gannahall-Kräuterführung

Heil-, Speise- & Würzkräuter erkennen, sammeln und zubereiten

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Pflanzen und deren Bedeutung für unsere Vorfahren
Unter den Pflanzen verehrten unsere Vorfahren zu Beginn der Zeitrechnung keinesfalls nur Bäume, sondern auch, nach unserer heutigen oberflächlichen Einschätzung, scheinbar unbedeutende, kleine Pflänzchen, wie Kräuter und Gräser.
Gerade das unscheinbare Grünzeug im Unterholz oder am Wegesrand spielte oftmals eine wichtige Rolle im Alltag der antiken Havelländer.
Die Semnonen lebten in und mit der Natur, die ihnen insgesamt als heilig galt, nicht zuletzt deswegen, weil sie die Menschen mit allem Notwendigen versorgte. Doch all das Grün um sie herum diente nicht nur als nachwachsender Rohstoff für diverses Baumaterial oder als Nahrung, sondern war von genereller Wichtigkeit für jeden Bereich des alltäglichen Lebens. Was die damalige Zeit diesbezüglich aber am deutlichsten von unserer Heutigen unterscheidet, ist die Rolle der Natur als universelle Apotheke.
In einer Zeit, als es noch keine Pharmaindustrie gab, welche die Menschen mit all den nützlichen und auch all den nutzlosen Medikamenten versorgte die heute erhältlich sind, war eine gute Kenntnis um die Heilwirkung der verschiedensten Pflanzen, sowie von deren bevorzugten Lebensräumen unerlässlich, konnte unter Umständen gar lebensrettend sein.
Teile vieler Pflanzen konnten zudem entweder als euphorisierendes oder aber auch als beruhigendes Rauschmittel verwendet werden, andere waren unentbehrlich als Würzpflanzen für die, eigentlich überhaupt nicht fade, germanische Küche.
Manche Pflanzen waren insgesamt – und sind es teilweise immer noch – echte „Allrounder“, die sowohl als Nahrungsquelle, als auch wegen ihrer Heilwirkung geschätzt wurden und zudem als unverzichtbarer Rohstofflieferant zur Herstellung verschiedenster Gebrauchsgegenstände.
Speise- und sonstige Nutzpflanzen, wie Heilkräuter oder solche Pflanzen, die Baumaterial lieferten, wurden sowohl in ihrer Wildform geerntet, als auch gezielt angebaut, was vor allem dort notwendig wurde, wo die jeweilige Pflanze natürlicherweise nicht vorkam.

Kräuterparadies Gannahall
Selbst den eher mäßig begabten Kräuterkundlern unter uns war von Anfang an die unglaubliche Fülle von Wildkräutern, vor allem was die sogenannten Heilkräuter angeht, auf unserem Gelände aufgefallen. Besonders der weiß- und blaublütige Beinwell, bekannt für seine spezielle Wirkung bei Knochen- und Gelenkverletzungen, stach sofort ins Auge.
Doch auch sonst bietet Gannahall so einiges aus der Apotheke der Natur. Neben dem obligatorischen Wegerich, Brenn- & Taubnessel, Scharfgarbe, Schachtelhalm, Labkraut und der echten Kamille, ließen sich von Experten noch eine Vielzahl mehr, allein an Heilpflanzen aufzählen.
Und um genau so eine Expertin handelt es sich bei Jutta Hannig, die im Verlauf des Jahres 2019 zu uns stieß und unsere anfängliche, über all die Probleme der vergangenen Jahre jedoch eingeschlafene Begeisterung für dieses Thema wieder reaktivierte.
Zudem haben wir ebenfalls in diesem Jahr nun endlich den lange geplanten ersten Kräutergarten auf der Südseite von Langhaus 1 angelegt, in welchem wir zunächst vor allem Speise- und Würzkräuter, aber auch einige Heilkräuter, wie die vor Ort nicht natürlich vorkommende Ringelblume, angebaut haben.
Dieses vorhandene Potential entfachte nicht nur neue Leidenschaft bei einigen unserer Mitglieder, sondern ließ zudem die Idee von regelrechten „Kräuter-Workshops“, mit Kräuterführung, Ernte und anschließender Zubereitung diverser, heute weitgehend in Vergessenheit geratener Speise-, Würz- und Heilkräuter direkt vor Ort, auf fruchtbaren Boden fallen.
Das Ende September kurzfristig geplante Debüt unter Leitung unserer Kräuterkundigen, bei der ich mich an dieser Stelle für ihr überaus bereicherndes Engagement bedanken möchte, war ohne viel öffentliche Werbung bestens frequentiert und zog hervorragende Resonanz nach sich. Alle Teilnehmer äußerten sich im Nachhinein begeistert über das Gelernte, sowie über die entspannte Atmosphäre, in welcher sowohl die eigentliche Führung, als auch die anschließende Tafel mit frisch zubereiteten Salaten und Deftigem vom Grill stattfanden.

Dieses Konzept werden wir im kommenden Jahr mit Sicherheit weiter ausbauen. Schön und sinnvoll wäre es, wenn es dem Jahreskreis folgend mehrere Führungen gäbe.
Wir jedenfalls sind diesbezüglich zuversichtlich und freuen uns jetzt schon auf Ihren Besuch.

Bei Interesse an einer Kräuterführung schreiben Sie uns bitte über unser Kontaktformular an.

Doch auch in Sachen Wellness ist Jutta Hannig ihre Ansprechpartnerin. Sie ist ausgebildete Gesundheitsberaterin, Massagetherapeutin und Yogalehrerin und schon seit vielen Jahren in diesen Bereichen selbständig tätig. Sie wollen sich informieren? Dann klicken Sie HIER.

Winter 2019/20

„Wohn-Experiment“ I – Offenes Feuer vs. Lehmofen

Bereits während der Bauarbeiten an Langhaus 1 ploppten die ersten Fragezeichen auf. Wie bitte schön sollte sich in einem solchen, strikt nach „aktuellem Erkenntnisstand“ gebauten eisenzeitlich/kaiserzeitlichen Langhaus der Alltag und das (Über-)leben der Bewohner vor 2000 Jahren gestaltet haben. Ein derart errichtetes Gebäude strotzt nur so vor „Schwachstellen“, welche schon in einem heutigen deutschen Herbst das Wohnen zum gesundheitlich bedenklichen Wagnis werden lassen und das Dasein während der Wintermonate zu einer echten Tortur machen. Da wäre zum Beispiel die, auf einer angenommenen Fensterlosigkeit basierende Finsternis in den Wohnräumen, dann die umlaufende „Schießscharten“ von 100 cm Länge und gut 15 cm Höhe, dort wo die Sparren auf der Wand aufliegen und durch welche ein permanenter Luftzug entsteht, dazu permanent offene „Windaugen“ als gedachter Rauchabzug und natürlich die stets postulierte offene Feuerstelle, um nur einige zu nennen.

Über die Feuerstelle war ich früher schon, beim lesen diverser Grabungsberichte gestolpert. In der Regel war dort von einer „Feuerstelle auf gestampftem Lehm“ zu lesen, bisweilen in Kombination mit Feldsteinen, also kleinen Granit-Findlingen, welche manchmal durch Hitzeeinwirkung zersprungen waren. Diese wurden dann als Randeinfassung der Feuerstelle angesprochen.
Schon vor unseren eigenen Bauarbeiten erschien es mir einigermaßen unlogisch, in einem Wohnbereich einen Lehm-Estrich für eine Feuerstelle anzulegen, wenn zudem das Leben der Bewohner auf dem bloßen Boden stattgefunden haben soll, denn von der Annahme eines Dielenbodens, so naheliegend diese auch ist, habe ich bisher noch nirgendwo gelesen.
Warum also sollte jemand auf die Idee kommen, auf einem nicht brennbaren Untergrund eine Lehmfläche für ein Feuer zu errichten?
Mir keimte schon damals der Gedanke, es könne sich unter Umständen zumindest in einigen Fällen um zerfallene Lehmöfen handeln und die aufgefundenen Feldsteine könnten als zusätzliche Wärmespeicher in diesen Öfen verbaut gewesen sein. Doch erst nach der groben Fertigstellung unseres Hauses im Winter 2019 stellte sich diese Problematik erneut.

Bei für Dezember moderaten Nachttemperaturen von +3 °C versuchte ich im abgetrennten Wohnbereich (4,5 x 10 m) des Langhauses zu übernachten und unterhielt gegen die Kälte ein Feuer mit einem ungefähren Durchmesser von 1 m. Die Randeinfassung, wie oft beschrieben, aus Feldsteinen mit einem Maximaldurchmesser von 25 cm.
Trotzdem ich alle Türen permanent verschlossen hielt und diese zudem von innen mit Stoff verhängte, war außerhalb der unmittelbaren Nähe des Feuers kein Temperaturanstieg im Raum wahrzunehmen. Um die Innenseite des Reetdaches vor Funkenflug zu schützen, hatte ich auf vier Pfosten ein großes Stahlblech in 1,50 m Höhe als „Funkenbrecher“ über dem Feuer angebracht. Der beim Anfachen und auch beim Nachlegen entstehende Rauch quoll unter dem Blech hervor und verteilte sich gleichmäßig im Raum, ohne jedoch wie erwartet durch die Windaugen an den ideal West-Ost-ausgerichteten Giebelseiten abzuziehen. Dies führte mich unter anderem zu der Annahme, die verschiedentlich in Feuernähe nachgewiesenen Pfostenlöcher könnten einen Rauchabzug getragen haben.

An Schlaf war jedenfalls in der gesamten Nacht nicht zu denken, obwohl es sich in Bodennähe zumindest vernünftig atmen ließ. Das Problem war vielmehr, dass ein Feuer ohne Wärmespeichermöglichkeit permanent bedient werden muss, weil es sich sonst auch in unmittelbarer Nähe der Feuerstelle nicht mehr aushalten lässt. Zudem hat Wärme die Eigenschaft nach oben zu steigen und (vermutlich) durch die Windaugen zu verschwinden.
Ich war also gezwungen, trotz Unterlage aus Stroh, Rentier-Winterfell (extrem wärmedämmend!) und Outdoorschlafsack, wach zu bleiben und regelmäßig Holz nachzulegen. Auch mit massiven Hartholzscheiten ließ sich kein Glutbett erstellen, welches ausgereicht hätte im Umfeld von 1 1/2 Meter ausreichend Wärme zu produzieren, um mich länger als 10 min schlafen zu lassen.
Die Bodenkälte und die Zugluft durch die Sparrenzwischenräumen ließen eine Erwärmung der Raumtemperatur einfach nicht zu.

Diese Erfahrung brachte mich nicht nur dazu die Heizproblematik zu überdenken, sondern generell die modernen Ansichten zur Wohnsituation unserer havelländischen Vorfahren vor 2000 Jahren infrage zu stellen.
Doch zu diesem Thema werde ich mich zu gegebener Zeit gesondert äußern.

In der eben geschilderten Nacht hatte ich nicht nur ausreichend Zeit, mich in den Alltag einer germanischen Familie zu Beginn der Zeitrechnung hineinzudenken, um unter anderem zu dem Schluss zu kommen, dass eine ebenerdige offene Feuerstelle sich neben Defiziten wie Verbrauch zu Leistung oder der nur schlecht zu kontrollierenden Rauchentwicklung im Raum, sich diese auch nur bedingt zur täglichen Nahrungszubereitung eignet.
Die Vorstellung, wie die Hausherrin sich zum kochen vornüber in den Rauch beugt, weil ein böser Zufall es wollte, dass die eingelagerten Holzvorräte Feuchtigkeit ausgesetzt wurden, was schneller geht als man meinen möchte, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, oder diejenige, wie die Hausbewohner an einem solchen Feuer versuchen nasse Kleidung zu trocknen, gingen mir nicht mehr aus dem Kopf.
Einen milden und nassen Winter, wie wir ihn aktuell fast jedes Jahr haben und wie er auch für die Jahrzehnte um den Beginn der Zeitrechnung angenommen wird, hätten in einem Haus wie dem unseren, gebaut nach den Vorstellungen moderner Akademiker, mit einer solchen Feuerstelle zudem, wohl nur die robustesten Naturen überlebt. Kinder, Alte und Schwache wären solchen Verhältnissen kaum gewachsen gewesen und anstatt einer Bevölkerungsexplosion nach der anderen wären die Semnonen einfach in Rekordzeit ausgestorben.

Auch unabhängig von der Hauskonstruktion muss in unseren Breiten eine Wärmeabgabe auch nach abbrennen des Feuers gegeben sein. Außerdem sollte in einer permanenten „Wohnung“ zumindest das mehrfache tägliche Kochen und Braten einigermaßen bequem vonstatten gehen und zwar ohne dass die/der Nutzer/in der Kochstelle schon in jugendlichem Alter an verkrümmten und steifen Gelenken leidet. Denn wäre dies damals das übliche Erscheinungsbild der durchschnittlichen Germanin gewesen, wüssten wir zumindest aus einigen römischen Quellen davon.
Daraus und aus der natürlichen Bedürfnis des Menschen, sich Arbeitsschritte so effizient und vor allem so bequem wie möglich zu gestalten, zuzüglich der Tatsache, dass unsere Vorfahren nicht wie ich gänzlich unbedarft, sondern aus dem Erfahrungspool unzähliger Generationen schöpfend ihre Arbeitsbereiche so optimal wie möglich gestalteten, schlussfolgerte ich, dass beim Vorhandensein von nur einer Feuerstelle im Haus damals mindestens folgende Kriterien erfüllt sein mussten:
1. musste eine sinnvolle Arbeitshöhe gegeben sein
2. musste außer dem Backen (m.e.S. am Gemeinschaftsbackofen vorgenommen) jedwede Nahrungszubereitung möglich sein
3. musste sich im näheren Umfeld das benötigte Equipment drapieren lassen
4. musste die Herdstelle eine ausreichende Wärmespeicherung und -Abgabe ermöglichen
5. musste diese Herdstelle mit einem separaten Rauchfang und -Abzug versehen sein

Unter Zuhilfenahme verschiedener Grabungsberichte, nach denen sich nicht selten die Herdstelle zwischen vier oder mehreren Pfostenlöchern, bzw. gar in unmittelbarer Nähe tragender Bauteile, z.B. an der Trennwand vom Wohn- zum Wirtschaftsbereich befanden, legte ich ebenfalls an dieser Trennwand zunächst den Kern des Ofens an.
Ausgehend von einem wirklich geschlossenen Raum, ohne die heute angenommenen Baumängel, legte ich zuerst einen Zuluftkanal aus Ton unter der Nordwand des Hauses an, über dem ich darauf den Boden der Brennkammer, bestehend aus einem durch Hitze gespaltenen flachen Feldstein auf Lehm drapierte.
Die eigentliche Brennkammer legte ich aus ungebrannten Lehmziegeln, die ich beim Abriss eines alten Fachwerkhauses erworben hatte, sowie einigen dickwandigen Keramikscherben von großen Vorratsgefäßen, welche den Brennvorgang nicht überstanden hatten. Die Lehmziegel wurden in einem Lehmmörtelbett übereinander gelegt und von außen mit Haselruten armiert.
Nachdem der Kern über mehrere Tage hinweg mehrfach vorsichtig beheizt, gut durchgetrocknet und stabil war, schlug ich weitere Staken in einem Abstand von ca. 15-20 cm Entfernung vom Ofenkern in den Boden und legte ein Weidengeflecht um die Staken.
Dieses Weidengeflecht verfüllte ich dann bis ca. 25 cm über Bodenniveau mit einer Lehm-Tonmergelmischung und baute darauf die erste Schicht Feldsteine mit einem Maximaldurchmesser von 25 cm auf. Alle Hohlräume wurden glatt mit der Lehmmischung verfüllt, worauf die zweite Lage Feldsteine folgte.
Abschließend verfüllte ich den Rahmen mit der Lehmmischung bis auf eine effektive Höhe von 60 cm.
Verputzt nimmt die Herdstelle nun eine Fläche von 120 x 100 cm im Sockelbereich in Anspruch, im oberen Bereich 100 x 80 cm, bei einer Gesamthöhe von 60 cm. Die Brennkammer hat eine Größe von 60 x 30 cm, bei einer Tiefe von 50 cm. Im Abschluss hat der Herd umlaufend eine Auflage von durchschnittlich 15 cm, was alle damals gebräuchlichen Konstruktionen, bzw. Vorrichtungen zum kochen oder braten, von Topfringen bis zum Grillrost möglich macht.

Schon beim ersten vorsichtigen Trockenheizen war eine deutliche Wärmeabgabe spürbar, die bei jedem Trocknungsgang schneller und stärker wahrzunehmen war.

Nach einer Woche wagte ich den finalen Testlauf bei einer nächtlichen Tiefsttemperatur von – 3°C. Ich feuerte den Ofen gegen 18:00 an und bereitete mir zunächst etwas zu essen darauf. Nachgelegt wurde mit Hartholzscheiten von Eiche und Obstgehölzen in einer durchschnittlichen Stärke von 10 cm. Das entstandene Glutbett war gut dreimal so lange haltbar als dasjenige der offenen Feuerstelle, weshalb ich weniger oft nachlegen musste. Auch der Holzverbrauch war deutlich geringer.
Schon während des Kochvorganges hatte der Ofen eine angenehme Wärme abgestrahlt, doch nach mehrstündiger Befeuerung war die Wärmeabstrahlung in den Raum so stark, dass ich mich in einem Umkreis von gut 4 m ohne Jacke bewegen konnte. Die im Zuge des Ofenbaus mit verputzte Trennwand reflektierte zudem die Wärme auf unerwartete aber willkommene Weise.
Gegen 22:00 legte ich noch einmal nach und versuchte die ideale Entfernung zur Herdstelle für mein Nachtlager zu finden. Leider erwärmte sich der Boden nicht im selben Umkreis wie die Wärmeabstrahlung in der Luft, weshalb ich mich nicht viel weiter als 1,50 m vom wärmenden Ofen entfernte, obwohl die Raumtemperatur schon 30 cm oberhalb des Bodens erträglich war.
Wie gesagt, in ein sattes Glutbett nachgelegt und eingeschlafen. Ein deutlicher Unterschied zur Nacht an der offenen Feuerstelle. Obwohl diese wärmer gewesen war hatte ich durchgehend gefroren, am Herd dagegen schlief ich problemlos ein und wachte erst nach vier Stunden wieder auf. Nicht die Kälte hatte mich geweckt, sondern der Harndrang.
Nachdem dies erledigt war schaute ich nach dem Feuer und stellte fest, dass gerade noch so viel Glut übrig war um damit ein neues Feuer zu entfachen, der Herd hingegen war immer noch wohlig warm.
Ich legte mich noch einmal hin und schlief dann auch durch. Gegen 6:00 war dann das Feuer restlos abgebrannt und auch Glut ließ sich kaum noch finden. Der Lehmofen war aber immer noch spürbar warm.

Fazit: Davon ausgehend, dass den eisen-/kaiserzeitlichen Germanen Backöfen, Brennöfen und dergleichen, sowie deren Funktionsweise zweifellos bekannt waren, wie Funde von Tonbrennöfen usw. im Havelland zeigen,muss weiterhin davon ausgegangen werden, dass unsere havelländischen Vorfahren auch die Vorteile des „Systems Ofen“ erkannten und sich diese zunutze machten. Der vergleichsweise geringe Material- und Zeitaufwand einer solchen Anlage hätte auch damals schon zu verschiedenen Testläufen und daraus resultierenden Optimierungen geführt.
Auch wenn Europa in den Jahrzehnten um und nach dem Jahr 0 eine Wärmeperiode erlebte, dürften die „kalten Monate“ ähnlich ausgefallen sein wie heute und das bedeutet zumindest für die Nächte der Wintermonate Temperaturen von um bis unter den Gefrierpunkt.
Besonders hinsichtlich der zweifellos noch zu hinterfragenden „offenen Windaugen-Theorie“, der nicht geklärten Problematik offener Sparrenzwischenräume, sowie den angenommen nicht vorhandenen Fußboden und Deckenbeplankungen, ist die Einrichtung eines Herdes mit eigenem (frei hängenden) Rauchfang/-Abzug nicht nur der Erhöhung des Wohnkomfortes dienlich, sondern (über-)lebensnotwendig.

GANNAHALL – DOKUMENTATIONEN

TESTS & TUTORIALS
Experimente und Anleitungen auf Youtube

Dieser Kanal entstand ganz zufällig. Ich suchte eigentlich nur nach einem geeigneten Medium, um Anleitungsvideos zu verschiedenen immer wiederkehrenden Arbeiten für die freiwilligen Helfer unserer Arbeitseinsätze im Projekt „Historisches Dorf Gannahall“ online stellen zu können. Sie sollten für Jedermann zu jeder Zeit abrufbar sein.
Diese Videos sollten weder besonders unterhaltsam, noch künstlerisch anspruchsvoll sein, sondern in erster Linie Know How vermitteln…und zwar so kurz, einfach und nachvollziehbar wie möglich. Weitere Ansprüche hatte ich nicht, was vor allem bei den ersten Tutorials zur Ausfachung der Lehmwände eines germanischen Langhauses auch mehr als deutlich wird.
Aufgenommen mit der Handykamera meines alten Fairphone unter meist ungünstigen Bedingungen, wie schlechten Lichtverhältnissen, Wind oder anderen dominanten Hintergrundgeräuschen, war die Tonqualität oft so schlecht, dass ich die Tonspur komplett entfernen und durch geschriebenen Text ersetzen musste.

Dieses Tutorial-Video beschreibt die Herstellung eines Weidenflechtwerks zur Ausfachung der Fachwerksegmente eines germanischen Langhauses.
Zu Beginn bekommt Ihr einige Hintergrundinformationen zum Werkstoff und seiner historischen Verwendung.
Danach erkläre ich die Herstellung der Vertikalkonstruktion für das Flechtwerk und danach den Flechtvorgang selbst.

Dieses Video war das erste Tutorial für die freiwilligen Hilfskräfte des Projektes „Historisches Dorf Gannahall“ und stellt somit auch mein Erstlingswerk dar.
Aufgenommen mit der Handykamera meines alten Fairphone und „bearbeitet“ mit einer uralten MovieMaker-Version für win XP. 😀
Dieser Clip, wie auch die anderen dieser Reihe, sollte weder ästhetisch, noch in irgendeiner Form anspruchsvoll oder unterhaltsam sein, sondern lediglich die benötigten Informationen transportieren…und das hat bis jetzt gut funktioniert.

In diesem Video erkläre ich den, für Anfänger einfachsten Weg, die Lehmmischung aufzutragen. Hierzu benutze ich sogenannte Maurerkellen, weil sich dieses Vorgehen als das beste erwiesen hat. Ich gehe davon aus, dass auch unsere germanischen Vorfahren ähnliche Werkzeuge aus Holz benutzt haben, zumindest für die letzte Schicht, denn nur so lässt sich auch eine schöne glatte Wand herstellen.
Zuerst wird der Erstauftrag beschrieben und nachfolgend der Auftrag auf die Rückseite.
Für die Folgeschicht und die Fertigstellung der Wandsegmente werde ich in Kürze ein weiteres Tutorial anfertigen.